Gerade auf der staubigen Piste gelandet.

Yida, ein permanentes Flüchtlingslager im äußersten Norden des Süd-Sudan. Die Vertriebenen des Grenzkonflikts mit dem Sudan haben hier Zuflucht gefunden. Das „World Food Program“ hat hier so etwas wie einen dauerhaften Airline-Betrieb etabliert. Gestartet sind wir in Juba, der Hauptstadt des Süd-Sudan, des jüngsten Staat der Erde. Ein gescheiterter Staat. Hier macht jeder was er will und jeder versucht irgendwie über die Runden zu kommen, zu überleben, während andere versuchen für sich das Beste und Meiste herauszuholen, was möglicherweise auf das Selbe herauskommt.

Korruption, Misswirtschaft, Vetternwirtschaft. Erfahrene und gestandene Entwicklungshelfer resignieren aufgrund von Willkür und destruktiver Energie.

Wen interessiert das? Warum sollten wir uns engagieren, an einem Ort wo blanker Egoismus herrscht?

Ein erbitterter Kampf um Kekse

Wir warten auf unser Gepäck. Unweit steht ein ugandischer Arzt, der darauf wartet das Flugzeug für seinen Rückflug zu besteigen. Er hat einige Monate in dem Camp gearbeitet.

Er hat eine Packung Kekse geöffnet. Ein kleiner Junge in zerrissenen Kleidern steht ein paar Meter neben ihm. Er kaut auf seinem Zeigefinger und fixiert mit glänzenden Augen die Packung. Der Arzt bemerkt den Jungen, guckt auf die Packung Kekse und gibt sie dem Kind.

Während der Junge die Packung ungläubig von allen Seiten betrachtet, kommen weitere Kinder heran, um sich die Beute ihres Altersgenossen anzusehen. Der Kleine holt einen Keks heraus und während ich noch überlege wie er die Packung wohl gleichmäßig unter allen aufteilen wird, bricht der Sturm los. Alle greifen nach der Packung Kekse. Geschiebe, Gedränge, Schubsen. Noch hält die Packung stand. Es fallen Kekskrümel auf den Boden. Die Kinder aus den hinteren Reihen des Pulks lassen sich auf den Boden fallen und greifen zwischen die Beine ihrer Kontrahenten um sie aufzuheben. Der Kleine verteidigt seine Packung wie ein Löwe und er hat sie auch immer noch in der Hand. Doch die „Angreifer“, die Kinder, die sie ihm streitig machen wollen werden immer zahlreicher. Immer mehr Hände ziehen und zerren an den Keksen. In einer schnellen, unvorhersehbaren Bewegung dreht sich der Kleine mit einem Ruck um und ist frei, die lädierte Packung in seiner Hand. Blitzschnell reagierend läuft er vor seinen Widersachern davon. Die reagieren allerdings auch ziemlich schnell und sind ihm dicht auf den Versen. Der Kleine blickt sich um, sieht seine Verfolger, greift in die Packung und schmeißt einige Kekse hinter sich. Seine Verfolger stürzen sich auf die am Boden liegenden Bruchstücke. Der Kleine rennt noch einige Meter weiter, realisiert, dass er mit diesem Manöver die Jagd gewonnen hat und wendet sich in ruhigem Gang der restlichen Packung zu. Ich blicke ihm nach, bis er zwischen den Wellblechhütten verschwindet.

Ich bin mehr als beeindruckt von dem kleinen Mann. Ich wäre weinend und schreiend zu meinen Eltern gerannt und hätte noch nicht einmal einen Krümel erwischt. Von den Kindern hat keines geweint oder geschrien. Erwachsene waren nirgendwo zu sehen. Der ugandische Arzt war währenddessen im Bauch des Flugzeugs verschwunden. Für die Kinder war das eine ganz normale Situation ihres alltäglichen Lebens. Mal gewinnt man. Mal verliert man. Ich stehe einige Meter abseits und überlege wie und ob ich eingreifen und die Kekse gleichmäßig verteilen soll und der Kleine reagiert so schnell und intuitiv, das mir nichts anderes übrig bleibt, als staunend hinterher zu blicken.

Auf der Straße nach Gidel

Einige Stunden später auf der staubigen und mehr als unebenen Straße zwischen Yida und Gidel. Zwischen dem Flüchtlingscamp und dem „Mother of Mercy“ Hospital liegen lediglich 200 Kilometer. Die Straße, eine mit Schlaglöchern, Sandverwehungen, umgestürzten Bäumen und lebenden Hindernissen wie Kühen und Eseln versehene Buckelpiste macht ein zügiges Vorwärtskommen unmöglich. Wenn wir in Gidel ankommen, werden wir für die 200 Kilometer siebeneinhalb Stunden gebraucht haben.

Die Hälfte der Strecke liegt hinter uns. Langsam verschwindet die unerbittlich scheinende Sonne hinter den ersten Ausläufern der Nuba-Berge. Wir sind gerade auf einem ziemlich langen, geraden Stück der Strecke unterwegs. Weit vor uns im Dunst kann man schemenhaft drei Gestalten erkennen. Unser Fahrer hupt frühzeitig. Ein Zeichen damit sie wissen, dass wir uns ihnen von hinten nähern. Je näher wir kommen umso weniger kann man erkennen, was sich da eigentlich vor uns befindet. Eine größere Gestalt kauert neben einem Motorrad und hantiert am Motor herum. Die beiden anderen sehen aus wie Schimpansen in Kleidung, wie sie sich da auf allen Vieren über die Straße bewegen. Zwei Kinder. Ein Mädchen und ein Junge. Konsequent laufen sie auf allen Vieren um das Motorrad und den Mann herum. Ihnen ist wohl langweilig und auf die Art vertreiben sie sich die Zeit, bis ihr Vater das Motorrad wieder in Gang bringt.

Der Mann ist ihr Vater und dem Motorrad ist der Sprit ausgegangen. Er will mit den Kindern auch nach Gidel. Seit zwei Wochen bewegen sich die beiden nur noch auf diese Art. Sie laufen nur noch auf allen Vieren und lassen sich nicht dazu bewegen wieder „normal“ auf ihren Beinen zu laufen. Er hofft, dass man ihm und seinen Kindern im „Mother of Mercy“ helfen kann.

Unser Fahrer kennt den Mann. Er arbeitet in der Radiostation in Gidel. Nach einigem Hin und Her nehmen wir die Kinder mit. Kein Spiel – sie können nicht anders.

Hoffentlich kann ihnen im Hospital geholfen werden.

Es kann nicht! Tom wird uns am kommenden Tag erklären, dass es sich wahrscheinlich um einen Gen-Defekt handelt der hier häufiger auftritt. Es hat definitiv keinen physischen Hintergrund. Von einen auf den anderen Tag können die Betroffenen sich nicht mehr gerade aufrichten. Das Einzige was man tun kann, wenn man denn direkt damit anfängt sobald sich die ersten Symptome zeigen, ist es die Kinder immer wieder dazu zu zwingen sich gerade hinzusetzen und sich gerade aufzurichten. Dafür ist es bei den beiden die wir mit uns nehmen möglicherweise zu spät.

Was eben noch lustig ausgesehen hat wird von einen auf den anderen Moment tragisch.

Mother of Mercy

Sind wir letztendlich nicht mehr als stumme, ohnmächtige Beobachter in einer von jeglicher Infrastruktur abgeschnittenen Region? Ist es lediglich ein Abarbeiten von täglich auftretenden Situationen? Keinerlei langfristige Perspektive?

Wir machen einen Rundgang durch das wie üblich stark frequentierte Hospital. Dr. Tom Catena dreht seine Runden. Unermüdlich. Am Abend wird er hoffentlich ein paar ruhige Minuten für uns haben. Jetzt wollen wir Ihn nicht stören. Mein Begleiter Stefan Marx von Action Medeor nimmt sich sein E-Mail Postfach vor um alles Mögliche für seine weitere Reise zu organisieren und ich nehme mir meine Kamera und laufe ein bisschen herum. An der Werkstatt für Prothesen humpelt ein kleiner Junge auf zwei Krücken an mir vorbei. Er trägt ein verwaschenes Trikot irgendeines englischen Fußball-Clubs. Schon wieder Tragik. Ein kleiner Junge im Fußballtrikot dem ein Bein fehlt. Ich folge ihm. Er geht in die Werkstatt zu den beiden unglaublich liebenswürdigen Prothesentechnikern aus Uganda. Die beiden Männer, 68 und 57 kümmern sich rührend um ihn. Sie legen ihm eine Prothese an.

Sie testen welche Anpassungen sie für den Jungen vornehmen müssen. Aber sie werden eine Prothese für ihn haben in den nächsten Tagen. Sie zeigen ihm einen Mann, der vor der Tür auf und ab läuft. Auf zwei künstlichen Beinen. Der Junge lächelt. Als er an mir vorbei läuft hält das Lächeln immer noch an.

Das sind die langfristigen Perspektiven sagt Tom Catena später. Natürlich, gibt er zu, sei es von Zeit zu Zeit ermüdend und anstrengend. Das kann man dem Arzt aus New Jersey auch wirklich ansehen.

„Manchmal ist das einzige was man tun kann von einem Patienten zum nächsten zu gehen. Versuchen ein Problem nach dem anderen zu lösen. Hier in den Nuba-Bergen ist alles gegen einen. Das Wetter, die Tiere, der Boden. Man kann leider nicht immer allen helfen. Man kann es einfach nur immer weiter und weiter versuchen. Wir werden hier nie „fertig“ sein, wir werden noch lange Unterstützung brauchen. Aber immer wieder und zwar ziemlich oft ergeben sich für die Menschen Möglichkeiten durch die Behandlung hier.“

Möglichkeiten die sie ohne Dr. Toms Hilfe, ohne die Arbeit des „Mother of Mercy“ Hospital nicht hätten.

Es ist wohl nicht die Frage ob man allen helfen kann, sondern es geht darum die Möglichkeit zu haben und zu nutzen überhaupt einigen zu helfen.

Wenn der Junge mit den Keksen in dem Flüchtlingscamp irgendeine schulische Förderung erhält, wird er es weit bringen. Wenn die beiden Kinder, die wir auf der Straße aufgesammelt haben fürsorglich betreut werden können, dann kann auch möglicherweise ihre Situation verbessert werden. Der am rechten Oberschenkel amputierte Junge wird nie für Manchester United auflaufen, aber Dank des „Mother of Mercy“ Hospital wird er überhaupt laufen und lächeln können.

Die Krücken und das Material in der Prothesenwerkstatt sind in Containern die Aktion Canchanabury verschickt hat nach Gidel, in die Nuba-Berge gebracht worden.

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