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1 : 0 für Francis

Auch Fußballstars müssen lernen


Es gibt Geschichten, die sind so kitschig-schön und so unwahrscheinlich, dass man sich kaum traut sie zu erzählen. Ich will es aber trotzdem tun. Denn diese Geschichte passt punktgenau zur derzeit laufenden Fußballweltmeisterschaft und zu unserer Kampagne „Zeig Aids die rote Karte“.

Vor zwei Jahren habe ich Francis Ndagambo im Südsudan kennengelernt. Francis war damals acht Jahre alt. Er hatte gerade seine Mutter durch Aids verloren. Meist saß er abseits von den anderen Kindern, die auf dem Hof der Rainbow Community in Nzara lachten, sangen und spielten. Das änderte sich, als ein Junge einen Bananenblätter-Fußball quer über den Platz kickte.

Ein Masungu kickt mit

Plötzlich kam Leben in den kleinen Kerl. Seine Augen begannen zu leuchten. Er sprang auf, nahm den Ball an und spurtete los. Sofort entstand ein munteres Fußballspiel, an dem sich alle Kinder beteiligten. Als der Ball dann zufällig bei mir landete, forderte Francis mich auf mitzukicken. Der Masungu (ironische Bezeichnung für Weiße) aus Deutschland solle mal zeigen, ob er so viel drauf habe wie Ballack und Schweinsteiger.

Fußballstars müssen lernen

Unter großem Gelächter versuchte ich die deutsche Fußballehre zu retten, bis mir bei der Hitze nach kurzer Zeit die Luft wegblieb. Beim Abendessen setzte sich Francis neben mich. Wir redeten über sein Zuhause, seine verstorbenen Eltern, über Fußball und dass er mal ein großer Fußballstar werden will. Dann könnte er seinen Geschwistern helfen und allen Kindern hier ordentliche Lederbälle kaufen. Ich sagte ihm, auch angehende Fußballstars sollten in der Schule richtig was lernen. Denn mit dem „Star-Sein“ würde es nicht immer so klappen.

Päckchen aus dem Sudan

Ich hatte die Begegnung fast vergessen, als ich Monate später über einen Bekannten einen Fußball aus Bananenblättern mit einem Zettel erhielt. Darauf stand: „Für den großen Masungu aus Deutschland mit den wenigen Haaren, der kein Fußball spielen kann!“ Und darunter noch: „Ich lerne fleißig und bin ganz gut in der Schule! Francis“.

Ein glückliches Kind

Vor wenigen Wochen konnte ich mich revanchieren. Ein Freund hat von Nairobi einen der eigens für unsere WM-Aktion „Zeig Aids die rote Karte“ (siehe Seite 2) genähten Fußbälle für Francis in den Sudan mitgenommen. „Ich habe selten ein glücklicheres Kind gesehen“, schrieb unsere Projektleiterin Schwester Giovanna. „Er strahlt vor Stolz und trägt den Ball den ganzen Tag mit sich herum.“ Und sie solle mir von ihm ausrichten, er würde weiter eifrig lernen und Deutschland könne ruhig Fußballweltmeister werden.

Reinhard Micheel    (aus: Mbogi Juni 2010)