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Leben auf dem (dreifachen) Vulkan

Ein Weihnachtsbesuch in Goma/D.R.Kongo

Das "Healing the healers" Büro in Nairobi hatte über Weihnachten für 2 Wochen Ferien eingelegt, um die Feiertage zu genießen und etwas Distanz zu den ständigen Anforderungen unserer Arbeit im Sudan zu gewinnen. Ich entschied mich schnell, der Einladung der Aktion Canchanabury zu folgen, das seit mehreren Jahren von ihr unterstützte Projekt GRAM (Groupe d'Accompagnement des Malades) in Goma zu besuchen. Es sollte eine Art von Vulkanbesteigung werden...

Dreifach ist der Vulkan, auf dem die Einwohner Gomas leben: Da ist erstens der je nach Jahreszeit mehr oder weniger sichtbare Vulkan "Niyiragongo" in etwa 15 km Entfernung vom Stadtzentrum, dessen rot glühende Lava beim letzten Ausbruch im Jahre 2002 weite Teile der Großstadt im wahrsten Sinne des Wortes unter sich begraben hat. Man lebt in weiten Teilen Gomas auf der Lava dieses letzten Ausbruchs...

Ein recht unheimliches Gefühl

... Das muss man allerdings wissen, denn an manchen Stellen ist davon nichts mehr zu sehen, neue Blechhütten oder auch Holzbretterhäuser sind entstanden, die zuhause in keinem Schrebergarten mehr zur Ehre gereichen würden. Aber auch gut gebaute und stabile Gebäudekomplexe, wie das Zentrum von GRAM, sind auf der neuen Lavamasse von vor 4 Jahren entstanden. Wenn es mir nicht gesagt worden wäre, hätte ich es kaum geglaubt, dass wir hier gut gelaunt auf "neuer" Lava rummarschieren. Doch da ist der Beweis: die frühere Kathedrale gleich in der Nähe ist um etwa die Hälfte verkürzt, man ahnt und sieht wohl noch, wie sie früher mal ausgesehen haben wird. Eine Hälfte ist irgendwie in der Lavamasse verschwunden. Ein recht unheimliches Gefühl...

... Diese unheimliche Gefühl wird an anderen Stellen noch umso gruseliger: nicht weit vom GRAM-Zentrum finden wir eine Hinweistafel mit Informationen zum aktuellen Stand der Vulkangefahr, verständlich in Französisch und Kiswahili. Wenn die Fahne gelb ist (hier schon verschossen eher weißlich), dann ist alles soweit OK, wenn rot geflaggt wird, dann ist Vulkangefahr ("l'eruption est imminente"), und alles sollte sich entsprechend der Radioangaben in Sicherheit bringen. Erinnerungen werden wach an einen Urlaub auf einer Nordseeinsel. Rote Beflaggung hieß dort zu starke Strömung, und "Baden verboten"...

Leben auf der Lava

... Alles schon mal da gewesen, nur mit dem Unterschied, dass hier - wie mir glaubhaft versichert wurde - wohl kaum jemals die rote Fahne gehisst würde. Denn dann würden Plünderer wie Geier auftauchen und den zurück gelassenen Besitz sofort mit gehen lassen. Gebraucht wird schließlich alles. Aber die Einheimischen sind es offensichtlich gewöhnt, mit "ihrem" Vulkan Niyiragongo zu leben. Alexis M., der derzeit (schon nach nur 5 Jahren auf der neuen Lava!!!) den Garten auf dem fruchtbaren Lavaboden bestellt, meint lachend: "im Schnitt geht der Niyiragongo alle 25 Jahre hoch, 2002 war das letzte Mal, also haben wir ja noch 19 Jahre Zeit, oder so..."

... Über all die Lavamassen, die hier natürlich auch als Strassen dienen, sind wir gehumpelt, um das Zentrum "GRAM" mit seinen AIDS-Patienten und vor allem den AIDS-Waisen zu treffen, die ja von der Aktion Canchanabury unterstützt werden. Zum heutigen vorweihnachtlichen Festtag haben sie ein Theaterstück eingeübt, bei dem Straßenkinder einen gefährlichen Überfall durch die Rebellen inszenieren. Das muss natürlich mit entsprechendem Klamauk und auch echten Macheten gespielt werden, was alle klasse finden. Und weil mein Besuch auch zur Vorweihnachtsfeier umfunktioniert wurde, kriegen nachher alle eine Fanta, ein echtes Weihnachtsgeschenk!!! ...

Kohle aus Bochum

... Diese Waisenkinder leben bei Grosseltern oder in Pflegefamilien. Diese Grosseltern werden unterstützt, damit den Kindern ein regelmäßiges Essen angeboten werden kann. Die Freiwilligen von GRAM machen regelmäßig "Hausbesuche in den Lavafeldern", um sich über den Zustand der Familien und der Kinder zu überzeugen. Darüber hinaus wird für den Schulbesuch gesorgt, Schulgeld bezahlt, Hefte gekauft, und alles, was dazu gehört. Wenn nötig, wird für medizinische Betreuung dieser Kinder gesorgt. Ich bin froh zu sehen, dass die für die Waisenkinder bestimmte "Kohle aus Bochum" auch tatsächlich auf der Lava in Goma ankommt. Im Namen aller Kinder hier: Besten Dank allen Spenderinnen und Spendern bei der Aktion Canchanabury! ...

Verjagt, bedroht, vertrieben

... Aber derzeit hat man in Goma noch ganz andere Sorgen. Denn der zweite Vulkan ist die aktuelle politische Situation. Ruandische Rebellen um den Rebellenführer Laurent Nkunda machen die Gegend unsicher. Gut bewaffnet mit Waffen aus aller Herren Länder und mit freundlicher Unterstützung des kleinen Nachbarn Ruanda und dessen großen politischen Verbündeten haben sie in der Gegend nördlich von und rundum Goma Einzug gehalten und viele Einheimische aus diesen Gegenden hemmungslos vertrieben. Die Gegend ist reich an Bodenschätzen. Koltan, Gold und Diamanten werden gefunden. Die Betroffenen hängen nun in irgendwelchen Flüchtlingslagern herum, verjagt, bedroht, vertrieben. Flüchtlinge in ihrem eigenen Land. Die Melodie von "Zu Bethlehem geboren" will mir nicht aus dem Kopf ...

Nachts im Container versteckt

... Diese politische Situation ging auch in Goma für alle dort Lebenden nicht ohne persönliche Bedrohung und Gefahr einher. Noch im November war nachts Maschinengewehrfeuer in der Stadt in unmittelbarer Nähe zu hören, keiner wusste, wer da gerade was tat. In einer Gemeinschaft von Missionaren zeigte man mir einen alten Container, in den man sich in der Nacht verkrochen hatte, zumindest mit dem (zweifelhaften) Gefühl, dort in Sicherheit zu sein ...

Die eigene Version erzählen

... Alle diese traumatischen Ereignisse haben stressvolle Spuren hinterlassen. Die Einheimischen und Missionare, die ich treffe, haben "ihre" Version zu erzählen von dem, was da geschehen war und weiter geschieht. Und schon das Erzählen verschafft Luft und das Gefühl, in diesem Elend nicht alleine zu sein. Dass solche traumatischen Ereignisse ihre Spuren bei den Betroffenen hinterlassen, ist völlig normal, und es kann eigentlich gar nicht anders sein. Aufmerksamkeit und interessiertes Zuhören sind noch die besten Heilmittel. Aber: eine Lösung für diese katastrophale Lage ist noch nicht in Sicht ...

Kein Lied ist zu lang

... Der Innenhof des Krankenhauses mit seinen überdachten Gängen ist proppevoll. Kranke, ihre Angehörigen und sicherlich auch eine nicht unerhebliche Zahl von Leuten, die aus der Nachbarschaft gekommen sind, alles drängt sich. Kein Lied ist zu lang (von einem Weihnachtslied werden 14 Strophen gesungen, ich habe gezählt!), es wird getanzt, oder manchmal geschunkelt. Ehrliche Weihnachtsfreude überall, je elender und ärmer die Leute, desto größer die Erwartungshaltung, ja die Hoffnung, dass es doch noch etwas Anderes geben wird. Begeisterung schwappt über, denn das Sterben hier kann schließlich nicht der Schlusspunkt sein. Siku kuu nkema, frohe Weihnachten!...

Heute ist Weihnachten

... Nach der Messe wird die Begegnung mit Gomas drittem Explosionsherd noch direkter: in verschiedenen Sälen des großen Krankenhauskomplexes gehen wir Patientinnen und Patienten begrüßen. Über das nahe Sterben wird in aller Offenheit gesprochen, was gäbe es auch zu verbergen?...


... Genaue Zahlen über die HIV-Prävalenz in der Bevölkerung werden mir nicht genannt, gibt es vielleicht auch gar nicht, und es kommt mir fehl am Platz vor, danach zu fragen, angesichts der vielen total ausgemergelten Gesichter und beschwerlich nach Luft schnappenden Patienten. Heute ist Weihnachten. Man braucht kein Mediziner zu sein, um zu ahnen, welchen Patientinnen und Patienten wir hier am häufigsten begegnen ...

Erst mal Siesta machen

... Beim Rausgehen, nach etwa 4 Stunden im Krankenhaus und selber jetzt etwas aus der Puste, lässt Pater Steenackers sein Leid heraus: "Ich bin mal gespannt, wie viele von denen, die wir jetzt begrüßt und mit denen wir gebetet haben, am nächsten Sonntag noch da sind?! Viele haben dann sicher ihre letzte Safari schon angetreten. Dann sind andere in den gleichen Betten, genau so schlecht dran, und alles fängt wieder von vorne an... Aber ich geh jetzt erst mal meine Siesta machen."

Ludwig Peschen (aus: Mbogi Juni/2009)

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