... In einem weiten Bogen zieht der Pilot der MAF (Mission Aviation Fellowship) die einmotorige Maschine hinunter zur Landung auf die Landepiste von Yambio. Auf dem Flug von Kampala habe ich Ausschau nach der Flutkatastrophe gehalten, über die die Medien zurzeit so viel berichten. Außer einigen etwas breiteren Flüssen kann ich keine Überschwemmungen in Nord-Uganda und im Süd-Sudan entdecken. Was mich allerdings verwundert, hier ist alles total grün. Ich habe mir den Sudan eher als Steppen- und Wüstenland vorgestellt. Eines der ersten Vorurteile, dass ich revidieren muss! ...
Ein Schalker im Sudan
... Ingo Stang, Gelsenkirchener, Schalke-Fan und Gesundheitskoordinator der Diözese Tombora-Yambio, holt uns ab und lädt uns zum Mittagessen in sein Haus ein. Es ist mörderisch heiß! Kein Strom, Termiten in Decken und Wänden, Wasser gibt's nur draußen an der Pumpe und die Köchin bereitet das Essen auf der Terrasse auf einem Holzkohlenfeuer zu. Es schmeckt ausgezeichnet! Ludwig überreicht sein Gastgeschenk: Ein Schalke-Trikot! ...
Kein Weiterkommen mehr
... Ingo bringt uns nach Nzara! Der Weg sei zurzeit super und gut zu befahren. Bereits nach wenigen Minuten beweist mir meine Wirbelsäule, dass es sehr unterschiedliche Vorstellung über die Qualität von Straßen und Pisten gibt. Wir fahren durch schlammgefüllte Schlaglöcher so groß wie deutsche Gartenteiche. Plötzlich versperrt ein umgestürzter Baum die Piste. Da ist kein Weiterkommen mehr. Wie aus dem Nichts taucht ein Einheimischer mit einer Kettensäge auf und "filetiert" den Urwaldriesen in handliche Stücke. Alle packen mit an, um die Hauptverkehrsader nach Nzara wieder frei zu machen. …
Am Ende der Welt
… "Willkommen hier am Ende der Welt!" So begrüßt uns Schwester Giovanna Calabria. Die 68jährige italienische Comboni-Schwester ist hier Chef im Ring. Das merkt man schon nach wenigen Minuten. Wir werden mit dem Besuchsprogramm vertraut gemacht. Ein Staatsbesuch kann nicht anstrengender sein. Zunächst gibt's aber erst mal was zu essen. Und da wir bei einem italienischen Orden zu Gast sind, lässt die Verpflegung nichts zu wünschen übrig. Zum Abschluss serviert Schwester Momo echten Espresso - alles andere sei doch Plastikkaffee!! …
Giovanna kennt jeden
… Am Nachmittag treffen die ersten Rainbow-Mitglieder und Aids-Waisen aus weit entfernten Dörfern ein. Per Motorrad, mit dem Fahrrad oder zu Fuß sind sie gekommen, um morgen beim Empfang der "Msungus" (der Weißen) aus dem fernen Deutschland dabei zu sein. Schwester Giovanna begrüßt alle Neuankömmlinge persönlich. Besonders die Kinder kommen und fallen ihr um den Hals. Sie kennt jeden einzelnen und weiß um deren oft traurige Geschichten. …
… Im Zentrum der Rainbow Community laufen die Vorbereitungen für den großen Tag. Nach dem Empfang soll es ein Essen für alle geben. Man hat Unmengen an Gemüse, Reis und Früchten herangeschafft. In riesigen Töpfen bereiten Rainbow-Frauen das Festmahl vor. Auch drei Ziegen werden ihr Leben lassen müssen. Sie stehen angepflockt neben unserer Hütte und rauben uns mit ihrem Geblöke den Schlaf. Sie scheinen zu ahnen, was ihnen bevorsteht. ...
Täglich kommen Neue
… Zu unserem "offiziellen" Empfang haben sich über 200 Menschen versammelt. Sie begrüßen uns mit dem Rainbow-Lied. Dann berichten uns verschiedene Mitglieder über die Arbeit ihrer Aids-Initiative und wie sie versuchen, sich gegenseitig zu helfen und die große Zahl der Aids-Waisen zu unterstützen. Aus den anfänglich sechs Mitgliedern vor drei Jahren sind mittlerweile 142 geworden sowie 200 Aids-Waisen, die von der Rainbow Community betreut werden. Fast täglich kommen neue hinzu. …
Große Offenheit
… Frauen und Männer erzählen in großer Offenheit von ihrer HIV-Infektion, wie sie sich angesteckt haben und wie sie versuchen, mit der Infektion zu leben. Ehepaare berichten vor der ganzen Gruppe, wie sie als Paar mit dem Virus leben und schon jetzt Vorkehrungen für die Zukunft ihrer Kinder treffen, wenn sie nicht mehr da sind. "Erst, wenn wir das Schweigen durchbrechen, haben wir eine Chance gegen die Krankheit", ruft ein Mann den anderen zu. …
Keine ARVs im Sudan
… Mehrfach muss ich mit den Tränen kämpfen. Noch nie habe ich zuvor Menschen in solcher Offenheit über ihre HIV-Infektion bzw. Aids-Krankheit reden hören. Ich versuche mir klar zu machen, dass die Menschen hier letztlich keine Chance haben, lange mit der Krankheit zu überleben. Denn die lebensverlängernden ARVs (anti-retrovirale Medikamente) gibt's - im Gegensatz zu den meisten afrikanischen Ländern - im Süd-Sudan noch nicht. Sie sollen zwar schon in der Hauptstadt Khartum sein, aber der Norden gibt dem Süden nichts! …
Alle bringen Geschenke
… Nach über zwei Stunden geht der Empfang zu Ende. Zahlreiche Mitglieder haben sich auf Matten hingelegt und sind eingeschlafen. Sie sind aufgrund ihrer Infektion so geschwächt, dass sie den Begrüßungsmarathon nicht durchstehen können. Keiner der anderen nimmt daran Anstoß. …
… Zum Schluss werden uns von allen noch Geschenke übereicht. Jeder hat etwas mitgebracht: Papayas, Bananen, Maniok, Süßkartoffen, Zuckerrohr, Bohnen, Eier und viele andere Feldfrüchte. Ein Junge überreicht uns die Schlafmatte seines Vaters, der vor wenigen Tagen verstarb. Er war der beste Mattenflechter der Gegend und hatte darauf bestanden, dass wir seine letzte Matte bei unserem Besuch erhalten sollten. Jetzt muss ich heulen! …
Reihenfolge geändert
… Das anschließende Essen ist eine Riesenparty. Es herrscht ausgelassene Stimmung. Alle lachen und freuen sich. Für die meisten der Anwesenden ist es wie Weihnachten und Ostern an einem Tag. So gutes Essen gibt's für die meisten sonst nicht! Ich treffe auch die drei Ziegen wieder. Schön angerichtet mit Erdnuss- bzw. Palmölsauce auf Reis mit verschiedenen Gemüsen. Köstlich!! …
… Bei den Zande (regionaler Volksstamm) ist es Tradition, dass zuerst die Männer, dann die Frauen und zum Schluss die Kinder etwas zu essen bekommen. Das hat Schwester Giovanna gleich zu Beginn ihrer Arbeit hier geändert. Sie hat die Reihenfolge umgekehrt. "Ich kann doch nicht mehrere Generationen warten, bis man hier einsieht, dass vor allem die Kinder vernünftig und ausreichend ernährt werden müssen!" …
Hilfe im Kleinen
… Als alle satt sind - einige haben zweimal Nachschlag bekommen - werden Medikamente zur Behandlung der opportunistischen Erkrankungen (Erkrankungen in Folge der HIV-Infektion) ausgegeben. Besonders Bedürftige erhalten zusätzlich noch 1 Pfd. Reis, 1 kg Bohnen, 2 Stück Seife und 2 sudanesische Pfund (1 US $) pro Person. Alles wird genau aufgeschrieben. Die Unterstützung wird aus der Gemeinschaftskasse bezahlt, in die alle Mitglieder - je nach Möglichkeiten - kleine Beträge einzahlen. …
Der Besuch ist ein Segen
… Zusammen mit einigen Rainbow-Mitgliedern stehe ich im Schatten einer großen Palme und schaue dem bunten Treiben zu. Ein älterer Mann legt mir die Hand auf den Unterarm und sagt: "A Visit is always Blessing!* Eure Unterstützung ist sehr wichtig für uns und wir sind euch dafür sehr dankbar. Aber noch wichtiger ist uns euer Besuch. Denn, dass Ihr zu uns gekommen seid, zeigt uns, dass wir euch nicht egal sind und ihr uns nicht vergessen habt! Das macht uns Mut!" Ich könnte schon wieder heulen!
Reinhard Micheel
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