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Lesen ist der Einstieg

Eine Bibliothek mitten im Busch - Die Idee der Rose Kasina

Als ich nachmittags das Gemeinschaftshaus der Aids-Initiative in Mwingi betrete, höre ich nichts - gar nichts! Umso größer ist dann mein Erstaunen, als ich plötzlich in einem kleinen Raum rund 20 Kinder und Jugendliche antreffe, die dort lesen und ihre Schularbeiten machen. Hier kann man eine Stecknadel fallen hören.


Mein Erstaunen steigert sich noch, als ich den Nebenraum betrete. Hier gibt's tatsächlich eine Bibliothek - eine richtige Bibliothek mitten in einem kleinen kenianischen Dorf, weit draußen in den so genannten Uplands! Neben Schulbüchern entdecke ich afrikanische, englische und amerikanische Literatur, Gedichtbände, Reiseerzählungen, Thriller und Krimis, aber auch Lexika, Technikhandbücher und viele Informationen zum Thema HIV/Aids.

Die Chance nutzen

"Wenn sie die Chance erhalten zu lesen, dann nutzen sie sie auch", Rose Kasina, Mitarbeiterin unseres Projektes "Healing the Healers", lächelt mich nicht ohne Stolz an. Die Einrichtung der Bibliothek war ihre Idee, wie überhaupt das Gemeinschaftshaus und die ganze Aids-Selbsthilfegruppe. "Tagsüber sind meist Kinder hier, abends kommen die Erwachsenen! Lesen ist ein Einstieg in Wissen, Bildung und Aufklärung! Das ist unsere Chance."

Eigenes Geld investiert

Nicht nur die Idee stammt von Rose, auch das Geld für das Haus, die Bibliothek und die Aktivitäten der Selbsthilfegruppe kommt von ihr und ihrer Familie. Rose Kasina gehört zu einer - für kenianische Verhältnisse - recht wohlhabenden Familie. Ihr Mann war viele Jahre Botschafter Kenias bei den Vereinten Nationen in New York. Jetzt arbeitet die Mutter dreier erwachsener Kinder als Trauma-Counseller für unser Projekt im Sudan.

Ich musste etwas tun

Auf meine Frage, warum sie sich denn für die Aids-Selbsthilfegruppe engagiere, hat sie eine klare und einfache Antwort: "Ich arbeitete für Menschen mit Aids und kriegsbedingten Traumata im Sudan und in anderen afrikanischen Ländern. Aber auch in meinem Heimatdorf sterben Menschen an Aids, weil sie nichts über die Krankheit wissen. Da musste ich doch etwas tun."

Ehrenamtliche Beraterteams

"Etwas" ist eine sehr bescheidene Bezeichnung für die vielfältigen Arbeitsfelder der Initiative in Mwingi. Zwei ehrenamtliche Beraterteams kümmern sich um die HIV/Aids-Betroffenen und besuchen sie regelmäßig. Sie organisieren die HIV-Tests und sorgen für die Versorgung mit den lebensverlängernden anti-retroviralen Medikamenten.

Stigma überwinden

Die Mitglieder treffen sich wöchentlich. Das Gespräch über die Krankheit hilft das allgegenwärtige Schweigen zu durchbrechen und die Stigmatisierung der Betroffenen zu überwinden. Gemeinsam werden auch Einkommen schaffende Aktivitäten gestartet wie die Zucht von Ziegen und Hühnern und ein kleines Textilprojekt.

Ohne "fremde" Hilfe

Bisher ist die Gruppe in Mwingi immer ohne "fremde" Hilfe ausgekommen und darauf ist man auch sehr stolz. Selten habe ich bisher erlebt, dass ein Hilfsangebot so zurückhaltend aufgenommen wurde wie meines, dass die Aktion bei der Betreuung der immer größer werdenden Zahl von Aids-Waisen finanzielle Unterstützung leisten könnte. Man hat mir aber versprochen, unser Angebot zu prüfen. Rose Kasina stand neben mir und musste grinsen!

Reinhard Micheel  
(aus Mbogi, November 2007)

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