… Die kleine einmotorige Maschine lässt auf ihrem Weg von Kampala nach Bunia kein Luftloch aus. Mir ist ziemlich flau. Nicht nur wegen des Fluges, sondern eher wegen dem, was mich dort erwartet. Fast 11 Jahre war ich nicht mehr dort. In der Zwischenzeit herrschte meist Krieg und Chaos. Vielleicht war ich aber auch nur zu feige nach Bunia zu fliegen?! Pater Jaak De Meyer ist- trotz seines Alters und der Unruhen - all die Jahre hingeflogen. Ein mutiger Mann! ….
Die MONUC ist überall
… Da liegt es: Bunia! Von oben sieht die Landschaft genauso wunderschön aus, wie ich sie in Erinnerung hatte! Hier also soll es die meisten der 3,7 Millionen Opfer des Krieges gegeben haben? Es fällt schwer, es zu glauben. …. Projektleiter Dr. Mpapa holt uns ab. Die Begrüßung ist herzlich. Wir kennen uns seit 17 Jahren. … Auf dem Weg in die Stadt passieren mehrere Kontrollposten der MONUC. Die UN-Soldaten, die hier versuchen den labilen Frieden zu sichern, grüßen freundlich winkend zurück. Irgendwie scheinen sie sich zu langweilen. …
… Wir sind in der der Procure der Weißen Väter untergebracht. Dort sei es am sichersten, meint Dr. Mpapa, denn das Hauptquartier der MONUC liege in unmittelbarer Nähe. … Es folgen Ratschläge: Nicht mehr rausgehen, wenn es dunkel ist! Möglichst nur im Auto und nicht zu Fuß unterwegs sein! ...
… Erster Höflichkeitsbesuch bei Mgr. Dieudonné Uringi, dem neuen Bischof von Bunia! Netter Kerl, mit dem man sogar reden kann! Für mich eine neue Erfahrung. Sein Vorgänger und ich waren nicht unbedingt Freunde. Das verspricht jedenfalls einfachere Verhandlungen. …
Besuch im Lepradorf
… Mit dem ALTI-Landrover fahren wir nach Badiya. Die Strecke soll relativ sicher sein. Alle 1000 Meter stehen zwei Regierungssoldaten und sichern die Straße. Ob das allerdings bei Überfällen von Milizen der Warlords hilft??? … Badiya hat es besonders schlimm erwischt. Dr. Ugencan führt uns durch das ehemalige Lepradorf. Viele der Gebäude sind geplündert und zerstört, einige hat er mit Geld der Aktion wieder aufgebaut. Vor dem wiedereröffneten Gesundheitszentrum drängen sich wie jeden Tag die Patienten …
Die richtigen Worte finden
… Den Mitarbeitern in Badiya erläutere ich die Pläne für die Neustrukturierung und unsere Absicht, die direkte Verantwortung für das Projekt an andere Partner zu übergeben. Für mich ist es der Test für das Gespräch mit dem ALTI-Personal von Bunia. Ich bin heilfroh, dass Judith mich begleitet. Sie spricht perfekt Französisch und findet für das, was ich - auch an unangenehmen Dingen - sagen muss, die richtigen Worte. Mein Französisch sei auch recht passabel, meint Dr. Mpapa, allerdings erst nach drei Flaschen "Primus" (Bier im Kongo). …
Ich kann kein Suaheli
… Beim Gottesdienst in der Kathedrale von Bunia sind Judith und ich die einzigen "Musungus" (Weißen). Liturgie und Gesänge beeindrucken mich. Allerdings verstehe nichts. Ich kann halt kein Suaheli. Da hilft auch kein "Primus". … Judith will jetzt Suaheli lernen. Ich glaube es ihr sofort, denn im Senegal hat sie in kürzester Zeit Wolof gelernt. …
… Auf der Rückfahrt zeigt uns Dr. Mpapa die Stadtteile Bunias, in denen es immer wieder zu größeren Massakern gekommen ist. Hunderte von Toten hätten in den Straßen gelegen. Niemand habe sich getraut, sie zu beerdigen. Erst nach Tagen wäre das Rote Kreuz mit LKWs gekommen, hätte die Leichen eingesammelt und sie in Massengräbern außerhalb der Stadt bestattet. …
Im griechischer Club
… Zum Mittagessen trifft man sich im "Griechischen Club", den ich noch von früher kenne. Es gibt zwar hier keine Griechen mehr, aber der Name ist geblieben. Direkt neben dem MONUC-Hauptquartier gelegen, ist er der Treffpunkt von Mitarbeiter der UN und der vielen Hilfsorganisationen, die sich zurzeit in Bunia tummeln. …
Nur ein schäbiger Landrover
… Die meisten machen auf extrem wichtig mit ihren Satelliten-Laptops und ihren funkelnagelneuen klimatisierten Geländewagen. Unser alter Landrover sieht daneben richtig schäbig aus. … An den Straßensperren sind wir aber im Vorteil. Die ALTI-Fahrzeuge winkt man durch, während alle anderen angehalten und kontrolliert werden. Tja, über 40 Jahre vor Ort machen sich halt bezahlt! …
… Heute geht's richtig los! Von morgens bis abends Verhandlungen und Gespräche wegen der Übergabe der Zentren in Badiya und Bunia an die Caritas der Diözese Bunia. Mit Bischof Uringi läuft es recht problemlos. Na ja, er bekommt ja auch einiges und das obendrein ohne große Gegenleistungen - bis auf die Zusicherung, möglichst viele ALTI-Mitarbeiter zu übernehmen. …
Ende einer Ära
… Im Kreis der ALTI-Mitarbeiter herrscht gedrückte Stimmung. Hier und Heute geht eine Ära zu Ende. Ab dem 1. April wird es ALTI, so wie es alle kennen, nicht mehr geben. Das tut weh! Allen ist klar, dass sich etwas ändern muss, um sich den aktuellen Herausforderungen und neuen Aufgaben nach dem Krieg zu stellen. Und jedem ist auch klar, das "die in Bochum" das finanziell und logistisch allein nicht hinkriegen. …
… Judith gibt sich allergrößte Mühe, meine holprigen Versuche, unsere Entscheidungen zu erklären, in ein Französisch zu gießen, das den Betroffenen nicht allzu wehtut. Doch eines ist so, wie es ist: Ich muss heute 46 guten und langjährigen Mitarbeitern kündigen. Ein Sch….gefühl! …
Neue Jobs fürs ALTI-Team
… Was wird nun aus dem ALTI-Team? Die meisten werden sicherlich in den neuen Strukturen ihre Arbeit behalten, einige bei der neuen "Koordination Lepra-Tuberkulose", die meisten aber wohl bei der Diözese. Einige gehen in den Ruhestand und wieder andere, die wegen ihrer polygamen Lebensweise bei der Kirche keine Chance haben, wollen sich eine neue Existenz aufbauen. Chui, unser Chefmechaniker, will sich mit der Abfindung, die er von uns bekommt, selbstständig machen. …
Optimismus, der fasziniert
… Abends im Bett denke noch einmal über alles nach! So schwer wie heute, ist mir mein Job bei der Aktion Canchanabury noch nie gefallen. Auch mein Herzblut klebt an ALTI und am Team um Dr. Mpapa und Dr. Ugencan. Dann muss ich plötzlich wieder an Chui denken, der heute Nachmittag breit grinsend erklärte: Na, dann mach' ich halt eine eigene Werkstatt auf! So richtig unterkriegen lässt sich hier keiner! Dieser Optimismus ist es, der mich an Afrika immer wieder aufs Neue fasziniert! Ich schlafe ein mit der Gewissheit: Na klar, es wird ein neues ALTI geben!
Reinhard Micheel (aus: Mbogi Juni 2007)
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