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Die vergessenen Kinder von Kitgum

Vielfältig, beeindruckend und oft schockierend sind die Erlebnisse einer Reise im Oktober durch Uganda, bei der ich die Projekte der Aktion besuchte. Und es sind wie immer die Begegnungen mit Menschen, die mich dabei am meisten beeindruckt haben. Von einer solchen Begegnung möchte ich Ihnen berichten.


Ich treffe Francis Akwero im St. Joseph Hospital in Kitgum. Er liegt auf seinem Bett und starrt die Zimmerdecke an. Vor vier Tagen haben sie ihn mit einer stark entzündeten Schusswunde im Busch gefunden. Gestern wurde die Kugel entfernt. Wenn er Glück hat, wird er sein Bein behalten.

Zum Kämpfen gezwungen

Glück? Francis hat nie Glück gehabt. Vor sechs Jahren haben die Rebellen der Lord's Resistance Army (LRA) sein Dorf überfallen. Er musste mit ansehen, wie seine Eltern erschlagen wurden. Ihn und seine fünf Geschwister nahmen die Rebellen mit und zwangen die Kinder zu kämpfen. Damals war Francis acht Jahre alt, jetzt ist er vierzehn! Was er in den Jahren gesehen und erlebt hat - kann ich nur erahnen.

Es waren zu viele

Ich setze mich zu dem unfreiwilligen Rebellen und frage ihn, ob er froh sei, dass es jetzt vorbei wäre? Es kommt nur ein müdes Nicken. Ob seine Geschwister denn noch leben würden? Er streckt mir zwei Finger entgegen. Ob er denn auch Menschen getötet habe? Er nickt. Ob er sich noch erinnern könne, wie viele es gewesen sind? Er zuckt mit den Schultern und beginnt zu weinen. Als ich meine Hand auf seinen Arm lege, sagt er ganz leise: "Zu viele!" Als ich gehen will, betritt ein Mädchen den Krankensaal. Es ist seine Schwester Teresa. Auch sie hat überlebt! Zum ersten Mal sehe ich ein Lächeln auf dem Gesicht des vierzehnjährigen Ex-Rebellen.

Kein Einzelfall

Francis ist kein Einzelfall. Was ihm widerfuhr, erleben auch Tausende anderer Kinder im Acholiland im Norden Ugandas. Die LRA entführt Jungen und Mädchen und zwingt sie zu kämpfen und zu töten. Seit über 18 Jahren terrorisiert die LRA die eigene Bevölkerung. Aus Angst vor Entführung suchen Nacht für Nacht Tausende Kinder Schutz in den Missionsstationen. So auch in Kitgum, wo ich jeden Abend über Hunderte schlafender Kinder klettern musste, um das Gelände des St. Joseph Hospitals verlassen zu können.

Ein "normales" Leben?

Glück? Glück braucht Francis, um sein Bein nicht zu verlieren. Was Francis noch dringender braucht sind Menschen, die ihm viel Verständnis entgegenbringen und ihm Zuwendung und Geborgenheit geben. Dann - und nur dann - kann er eines Tages vielleicht sogar ein "normales" Leben führen. Wir können Francis etwas dabei helfen, in dem wir die Menschen in Kitgum unterstützen, die sich mit großem persönlichen Einsatz um diese vergessenen und traumatisierten Kinder kümmern.

Reinhard Micheel  (aus "mbogi")

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