Paul aber wartet weiter! Er hat es Schwester Maria Nantenge versprochen. Denn heute will sie Besuch aus dem fernen Deutschland mitbringen. Schwester Maria kommt fast nie pünktlich. Zu viele Familien muss sie besuchen. Auch findet sie nie die Abzweigung des Feldweges zu seiner Hütte. Da ist es besser an der Straße zu warten.
Als er endlich den Geländewagen des Kitovu-Grail-Centre die Straße herunterkommen sieht, muss er grinsen. Na endlich, hat sie es doch noch geschafft! Fast hätte Schwester Maria Paul, der wild gestikulierte, übersehen, so viele Menschen und Autos sind zu dieser Stunde unterwegs.
Als Paul zu uns in den Wagen steigt, nimmt ihn Schwester Maria ganz fest in den Arm! Das tut ihm sichtlich gut, denn er strahlt sie dankbar an. Mich begrüßt er mit einem kräftigen Handschlag.
Keine Zeit für Trauer
An seiner Hütte angekommen, begrüßen uns seine fünf jüngeren Geschwister. Paul ist 14 Jahre alt und seit dem Tod seiner Mutter vor einem Jahr das Familienoberhaupt. Der Vater ist schon seit drei Jahren tot. Beide sind an AIDS gestorben. Hinter der Hütte im Bananenhain zeigt er uns die Gräber seiner Eltern, seiner drei älteren Brüder, zweier Onkel und einer Tante.
Als ich ihn frage, ob er seine Eltern sehr vermisse, zögert er zunächst mit der Antwort. Natürlich vermisse er sie, besonders nach dem Tod der Mutter habe er viel geweint und sei sehr traurig gewesen.
Doch nur noch traurig zu sein, hätte er sich nicht leisten können. Dafür wäre nur wenig Zeit gewesen. Schließlich hätte er sich um seine Geschwister kümmern müssen, und die seien schon echte "Plagegeister". Nach dieser Äußerung huscht ein Lächeln über sein Gesicht.
Das Dorf hilft mit
Im Anfang hätte er ziemliche Probleme gehabt, berichtet er weiter, weil er nicht gewusst hätte, wie er sich und die Geschwister durchbringen sollte. Der Dorfälteste hätte dann eine Frau im Dorf gebeten regelmäßig nach ihm und den Kleinen zu schauen.
Wirklich besser sei es aber erst geworden, nach dem Schwester Maria vom Kitovu-Grail-Centre vorbeigekommen sei. Sie hätte dafür gesorgt, dass sich ein Komitee von Frauen im Dorf gegründet hat, die sich um Kinder, deren Eltern an AIDS gestorben sind, kümmern und diese unterstützen. Dank Schwester Maria können er und auch zwei seiner Geschwister wieder zur Schule gehen.
Lachen ist heilsam
Auf dem Hof läuft inzwischen ein munteres Fußballmatch. Mein Gastgeschenk, ein Fußball, ist bereits voll im Einsatz. Pauls Geschwister und mehrere Kinder aus der Nachbarschaft kicken unter großem Gejohle und Gelächter mit dem neuen Ball.
Während Maria Nantenge mit einigen Frauen des Komitees verhandelt, sitze ich mit Paul etwas abseits im Schatten eines großen Baumes. Ziemlich unvermittelt sagt Paul: "Doch, ich vermisse meine Mama und meinen Papa noch immer sehr. Abends muss ich oft an sie denken. Dann weine ich auch, aber nur wenn die anderen schon schlafen. Ich bin doch jetzt der Chef hier. Meine Geschwister würden dann nur noch trauriger werden!"
Hoch lebe der VFL
Als wir nach einem gemeinsamen Abendessen wieder aufbrechen, werden wir mit großem Hallo verabschiedet. Als Dank für den Fußball lassen alle meinen Heimatverein hochleben! Der Versuch der Kinder "VFL Bochum" zu rufen, geht nach dem dritten Versuch in einem Riesengelächter unter. Auch Paul biegt sich vor Lachen.
Auf der Rückfahrt nach Masaka sagt Schwester Maria zu mir: "So wie heute muss es uns viel öfter gelingen, die Seelen dieser Kinder wieder zum Strahlen zu bringen!"
Reinhard Micheel (aus: ""mbogi")
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