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Wo Kinder leise sterben

Liebe Freundinnen und Freunde der Aktion,

nach vielen Aufenthalten in Afrika kann mich nichts mehr wirklich erschüttern. So dachte ich jedenfalls. Ich glaubte alles an Not, Leid und Elend, was Menschen in Afrika erleiden müssen, bereits gesehen zu haben. Das Wiedersehen mit einem kleinen zwölfjährigen Mädchen in Uganda wurde jetzt zum Schlüsselerlebnis.


Zwei Jahre zuvor war ich Josephine Nakitto zum ersten Mal begegnet. Sie hatte gerade - zwei Jahre nach dem Tod des Vaters - auch ihre Mutter durch Aids verloren. Von einer Minute zur anderen musste sie die Verantwortung für ihre vier jüngeren Geschwister übernehmen. Trotz aller Sorgen und Arbeit war sie stets fröhlich und optimistisch. Sie ging weiterhin zur Schule und galt als sehr begabt.

Ein Abschiedsbesuch

Im September traf ich sie jetzt wieder! Schwester Resty vom Rubaga Hospital hatte mich gewarnt. Josephine geht es sehr schlecht. Mit dem HIV-Virus ist sie wohl schon seit ihrer Geburt infiziert. Die "Krankheit" ist jetzt bei ihr ausgebrochen. Als wir die Hütte der Familie betraten, war mir sofort klar: Dies ist ein Abschiedsbesuch. Josephine lag im Sterben - und sie wusste es.

Sie lächelte schwach, als sie mich, den "Masungu" - den Weißen, wieder erkannte. Während Resty sie in den Arm nahm, musste ich an unsere erste Begegnung denken. Damals erzählte sie mir, sie wolle Ärztin werden und anderen Menschen helfen, damit sie nicht an Aids sterben müssten wie ihre Eltern.

Trauer und Wut

Das Sprechen fiel ihr schon schwer, als sie Resty und mich bat, uns um ihre Geschwister zu kümmern. Wir versprachen es ihr. Sie wirkte beruhigt und entspannt. Josephine starb ganz leise und mit einem Lächeln am 13. September 2003, um 16.23 Uhr. Noch nie in meinem Leben war ich so traurig, aber auch noch nie so wütend.

Leben ist Menschenrecht

Josephine hätte nicht sterben müssen! Es gibt gute anti-retrovirale Medikamente, die den Ausbruch der Krankheit hinauszögern bzw. verhindern können. Doch die Pharmaindustrie verlangt Preise, die niemand in Afrika bezahlen kann. Im "Aktionsbündnis gegen Aids" (www.aids-kampagne.de) kämpfen wir mit vielen anderen Organisationen dafür, dass auch in den armen Ländern Aids-Kranke Zugang zu diesen Medikamenten erhalten. Leben ist ein Menschenrecht! Es darf nicht dem Profitstreben weniger geopfert werden.

Reinhard Micheel  (aus: "mbogi")

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