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AIDS-Waisen – integrieren statt isolieren

Über 15 Millionen Kinder haben weltweit ihre Eltern aufgrund von HIV/AIDS verloren. Ein Teil der Kinder (ca. 2,5 Mio.) ist selbst mit dem Virus infiziert. Da sich die Babys im Mutterleib, während der Geburt durch das Blut der Mutter oder während der Stillphase infizieren, besteht hohe Ansteckungsgefahr. Die große Zahl dieser Kinder übersteigt die Möglichkeiten der traditionellen Waisenfürsorge erheblich. In Afrika werden sie in aller Regel von Verwandten oder Nachbarn aufgenommen.

Genau hier greifen die AIDS-Waisen-Projekte der Aktion Canchanabury:

    • Die Kinder werden nicht in Heimen untergebracht, sondern von Pflegefamilien oder so genannten "Guardians" versorgt. Manchmal leben mehrere Geschwister auch in sog. Kinderhaushalten, die von unseren Projektpartnern betreut werden. Dadurch können die Kinder in ihrem sozialen regionalen Umfeld aufwachsen.

    • Die Kinder werden erst auf HIV getestet, wenn sie auffällig oft krank werden. Es gibt zwar mittlerweile preisgünstige Aids-Medikamente in Afrika, aber sie sind noch nicht für alle überall verfüg- und finanzierbar. Grundsätzlich wird aber zwischen den Kindern kein Unterschied gemacht – jeder hat die gleichen Rechte und Chancen.
       
    • Die Sorge für die Waisen stützt sich auf lokale Ressourcen, das heißt, die Menschen greifen auf ihre bestehenden Möglichkeiten zurück und finden dabei Unterstützung durch die Aktion Canchanabury. Die Spendenmittel stärken eine nachhaltige Selbsthilfe. Sie schaffen nicht dauerhafte Abhängigkeiten.

    • Die Krankheit HIV/AIDS und ihre Folgen werden nicht ausgegrenzt und aus dem Alltag verbannt. Die soziale Gemeinschaft findet vielmehr Wege und Möglichkeiten, mit dem Virus und den betroffenen Menschen zu leben. So mildert die Gemeinschaft der Menschen gemeinsam das Leiden der Betroffenen und gleichzeitig wirkt das Erleben der Krankheit als effiziente Präventionsmaßnahme.

Unserer AIDS-Waisen-Arbeit setzt sich aus verschiedenen Bereichen zusammen:

1.   Aufklärung

Die Menschen brauchen umfassende Informationen über HIV/AIDS. Ziel ist, Vorurteile, Ängste und Gerüchte zu überwinden, damit die Erkrankten nicht aus der Gemeinschaft ihrer Familien, Dörfer oder Stadtviertel ausgestoßen werden. Natürlich soll eine umfassende Präventions- und Aufklärungsarbeit auch die Infektionsraten verringern. Die AIDS-Waisen werden in sog. "Behavoir Change Workshops" (Verhaltensänderung) über die Ansteckungsmöglichkeiten und den Verlauf der Krankheit informiert. Diese oft tagefüllenden Veranstaltungen werden auch genutzt, um die Kinder nach ihren persönlichen Nöten und Wünschen zu fragen, um dann gemeinsam mit ihnen Lösungsmöglichkeiten zu finden.


2.   Organisation

Die verschiedenen Initiativen müssen sich organisieren, um ein Netz freiwilliger Helferinnen und Helfer aufzubauen. In solchen Netzwerken arbeiten nicht selten mehrere hundert Menschen zusammen. Sie nehmen sich der Kinder an und suchen nach Möglichkeiten, sie in bestehende Familien unterzubringen.


3.   Befähigung

Die ehrenamtlichen Frauen und Männer bringen in aller Regel keine pädagogischen Kenntnisse mit. In unterschiedlichen Fortbildungsmaßnahmen werden sie ausgebildet, um die besondere Situation der Kinder zu verstehen. Die Waisen haben das langsame Sterben ihrer Eltern erlebt, sie oft bis zum Schluss gepflegt. Sie brauchen viel Zuwendung, um dieses Geschehen zu verarbeiten. Besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, die Kinder über die Krankheit und ihren Verlauf aufzuklären. Soweit die Kinder selbst HIV-infiziert sind, brauchen die aufnehmenden Familien Rat und Unterstützung, um die Kinder entsprechend ernähren und pflegen zu können.

Die Aktion Canchanabury stellt über ihre Projektpartner diesen Familien Mittel für die Betreuung der Waisen zur Verfügung. Ebenso wird die medizinische Versorgung der Kinder sichergestellt. Das Schulgeld wird komplett übernommen, um den Waisen die Chance auf eine bessere Zukunft zu geben. Außerdem werden Präventionsmaßnahmen für die Kinder und Informationsveranstaltungen für die Guardians angeboten.

Erfolg dieser Projekte

    • Immer häufiger gelingt die integrierte Versorgung der Aids-Waisen. Dies ist ein ermutigendes Zeichen für die Zukunft. Die Menschen in den Armutsregionen stellen sich der Krankheit HIV/AIDS und entwickeln  i h r e  Wege, dem Virus die Stirn zu bieten. Damit muss HIV/AIDS nicht in eine neue Abhängigkeit führen.

    • Die Kinder wachsen nicht als Fremdkörper heran. Sie gehören selbstverständlich dazu. Sie leben in Familien und finden in ihr Leben hinein, wie alle anderen Kinder auch.

    • Die Kinder erfahren Geborgenheit und Rückhalt in der Familie. Sie können auch nach dem Tod ihrer leiblichen Eltern zu jemandem „Vater“ und „Mutter“ sagen.

    • Der Schulbesuch stärkt das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl der Kinder. Sie bekommen das Gefühl vermittelt, dass sie etwas wert sind und dass es trotz der katastrophalen Umstände weitergeht und sie eine Zukunftschance haben.


Schutz vor HIV/AIDS

Viele Menschen in Europa verbinden mit dem Schutz vor HIV/AIDS vorschnell Kondomkampagnen. Wer aber meint, unter den Lebensbedingungen der Armutsregionen wären sie das Mittel in der Aidsbekämpfung, greift zu kurz. Die Erfahrungen unserer Partner in Afrika und die Erfolge der gemeinsamen Projekte zeigen uns, dass ein wirksamer Schutz vor HIV/AIDS ganzheitlich angesetzt werden muss.

Erziehung und Aufklärung

In Schule und Elternhaus muss HIV/AIDS ein zentrales Thema der Aufklärung sein. Die Kinder müssen die Ansteckungsgefahr, die Krankheit und ihre Risiken kennen. Sie müssen von klein auf lernen, ihre Sexualität zu begreifen, um damit verantwortlich umgehen zu können. HIV/AIDS ist in vielen Teilen der Welt ein über das Leben entscheidender Faktor. Hier greifen die sog. „Behavior-Change“- und "Awareness"-Programme, die die Aktion in Uganda, Burundi, Kenia, Togo und im Sudan unterstützten.

Verantwortliches Verhalten in der Partnerschaft

Männer und Frauen müssen in Verantwortung füreinander handeln. Gemeinsam das Leben in Verantwortung gestalten: Das ist Grundlage einer Partnerschaft, die Treue zueinander wachsen lässt und so vor der Krankheit schützt. Den Menschen muss bewusst gemacht werden, dass die Nutzung von Kondomen, die Abstinenz oder Monogamie vor der Krankheit schützen. 

Selbstbestimmtes Verhalten der Frauen

Frauen und Mädchen bestimmen selbst über sich und ihren Körper, sie sind nicht Sexualobjekt des Mannes. Respekt vor ihrer Individualität und ihrer Person ist die Grundlage gleichberechtigten Miteinanders der Geschlechter. HIV/AIDS macht die Frauen im doppelten Sinne zu Opfern. Dem muss entschieden entgegen gearbeitet werden. Frauen sind verwundbarer und somit leichter infizierbarer als Männer. Jüngere Frauen sind stark gefährdet durch das Phänomen der Sugar Daddies: Ältere Männer, die sich aus Angst vor HIV/AIDS viel jüngere Partnerinnen (oder Jungfrauen) suchen.

Schaffung von Öffentlichkeit und Engagement des Staates

Wie Erfahrungen unserer Partner zeigen, ist es entscheidend, dass alle tragenden Kräfte einer Gesellschaft die Bekämpfung der AIDS-Pandemie in einem Land oder in einer Region geschlossen zu ihrer Sache machen. Das erst gibt den Aufklärungsbemühungen und dem Einsatz zu Verhaltensänderungen den nötigen Rückhalt und stärkt die Einzelpersonen und Familien.

Armutsbekämpfung

Nachhaltige Armutsbekämpfung als solche stabilisiert das soziale Leben, stärkt soziale Bindungen und Gemeinschaften und bildet somit einen wichtigen Grundpfeiler ganzheitlicher AIDS-Bekämpfung.

Auf der Grundlage unseres ethischen Selbstverständnisses wollen wir den Menschen keine Verhaltensweisen aufoktroyieren: Schließlich setzt ethisches Handeln doch immer die freie und eigene Entscheidung voraus.
Als Hilfswerk für Entwicklungszusammenarbeit ist es unser Prinzip, die Projektansätze, die unsere Partner im Süden entwickelt haben und die sich – auch unter ethischen Gesichtspunkten – bewähren, zu unterstützen. Im Zusammenhang mit den präventiven Aktivitäten, die auf eine Veränderung des Sexualverhaltens abzielen, wurde vor allem in afrikanischen Ländern eine weit propagierte Verhaltensweise als eingängige Faustregel entwickelt: die ABCD Formel.

  • A steht für „abstinence“ oder Enthaltsamkeit. Sie ist ein sicherer Schutz vor HIV-Infektionen. In der Situation einer AIDS-Pandemie entspricht sie – insbesondere außerhalb der Ehe – einem verantwortungsbewussten Sexualverhalten.

  • B steht für „be faithful“, sei deinem Partner treu.
     
  • C steht für „condom“, den Gebrauch von Kondomen.

    Und wer alle drei Optionen missachtet, dem bleibt nur die letzte Alternative:

  • D für steht „death“, der Tod, und er muss sich bewusst werden, dass er andere Personen ebenfalls dem Tod aussetzt.

  

Zahlen und Fakten

Rund 34 Millionen Menschen sind derzeit weltweit HIV infiziert. Rund 25 Millionen Menschen sind bereits an der Krankheit gestorben. Rund 2,5 Millionen Neuinfizierte kommen jedes Jahr hinzu. Die höchsten Zuwachsraten kennen wir zurzeit im Süden Afrikas, in Süd-Ost-Asien und in den Ländern Osteuropas.


Krankheit der Armen

AIDS breitet sich mit rascher Geschwindigkeit in den Armutsregionen der Welt aus. Bedingungen und Folgen der Armut führen Faktoren zusammen, die die Ausbreitung der Infektionskrankheit begünstigen:

    •   fehlendes Wissen über die Zusammenhänge der Krankheit
    •   unzureichender Zugang zu Schutzmaßnahmen und sachlicher Informationen
    •   soziale Ungleichheit der Frauen
    •   Armutsprostitution
    •   zerbrechende traditionelle Sozialstrukturen
    •   Drogenkonsum (vor allem in Osteuropa und Nordamerika)
    •   Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit der Jugend
    •   Migration und Wanderarbeit in den Metropolen

Konsequenzen für die Entwicklung marginalisierter Länder

1.   HIV/AIDS dezimiert die ökonomisch aktiven Altersgruppen

HIV/AIDS betrifft besonders die ökonomisch aktiven Altersgruppen zwischen 18 und 35 Jahren. In Ländern wie Südafrika, Simbabwe, Mozambique oder Botswana fällt jeder dritte Arbeitnehmer bzw. jede dritte Arbeitnehmerin der Krankheit zum Opfer. Damit fallen wesentliche Teile gerade der Bevölkerungsgruppen aus dem Wirtschaftsleben heraus, die seine Entwicklung, Dynamik und Kraft prägen. Für eine Volkswirtschaft bedeutet dies:

    •   extrem hoher Krankenstand
    •   Fachkräftemangel
    •   deutlich höhere Ausbildungskosten
    •   sinkende Produktivität
    •   sinkende Rentabilität
    •   Ausfall in- und ausländischer Investitionen


2.   HIV/AIDS führt in die absolute Armut


HIV-Infizierte können nach Ausbruch der Krankheit nicht mehr ihren Lebensunterhalt erarbeiten. Der Einkommensausfall betrifft nicht nur sie, sondern auch abhängige Familienmitglieder wie Kinder oder die ältere Generation. Der größere Familienverband schließt Infizierte in vielen Gesellschaften Asiens, Lateinamerikas und Afrikas aus, so dass den Betroffenen ohne jede weitere soziale Sicherung ein langer, elender und einsamer Leidensweg bevorsteht. Besonders dramatisch ist die Situation der infizierten Vollwaisen mit einer Lebenserwartung von 3 - 5 Jahren.

3.   HIV/AIDS überfordert die Gesundheitssysteme

Die Aids-Epidemie stellt Gesellschaften mit schwach entwickeltem Gesundheitssystem vor existentielle Herausforderungen. Die Kosten verdeutlichen die Dimensionen: von den weltweit notwendigen Aufwendungen für die Pflege AIDS-Kranker entfallen jährlich fast 75 % auf die Länder Schwarzafrikas (geschätzte Zahlen).


4.   HIV/AIDS Investitionen in Bildung und Ausbildung zunichte

Die Lücken, die die Krankheit reißt, sind in allen Lebensbereichen zu spüren. In Krankenhäusern des südlichen Afrikas fallen Ärzte und Pflegepersonal aus, in den Schulen Lehrerinnen und Lehrer. Unternehmen müssen 2 oder 3 Mitarbeiter für denselben Arbeitsplatz qualifizieren.


5.   HIV/AIDS bedroht Mädchen und Frauen

AIDS stellt für Frauen eine besondere Bedrohung in Gesellschaften dar, die das sexuelle Selbstbestimmungsrecht der Frauen gering achten. Bei einer Umfrage in Südafrika gab mehr als jede dritte junge Frau an, bereits zu sexuellen Handlungen gezwungen worden zu sein. Die Krankheit macht diese Frauen im doppelten Sinne zu Opfern. Über 50% der weltweit Infizierten sind Frauen, bei den Neuinfektionen sind über 60% weiblich.


6.   HIV/AIDS begünstigt andere Infektionskrankheiten

Der HI-Virus zerstört das Immunsystem und öffnet so alle Türen für so genannte opportunistische Infektionen. Darunter sind auch hoch-infektiöse – wie zum Beispiel die Tuberkulose. HIV/AIDS schafft diesen Krankheiten einen günstigen Nährboden.


7.   HIV/AIDS macht Kinder zu Waisen

Die Zahl der Waisenkinder aufgrund von HIV/AIDS liegt bei ca.15 Millionen Kindern im südlichen Afrika. 4 Millionen Kinder sind bereits an AIDS gestorben!

8.   HIV/AIDS zerstört familiäre Strukturen sozialer Sicherheit

Die Krankheit führt zur Zerrüttung sozialer Strukturen. Häufig werden die Betroffenen aus dem Familienverband ausgeschlossen, weil die Menschen aufgrund mangelnder Informationen den Infizierten mit großer Furcht begegnen. Die mit der Krankheit einhergehende Verelendung entzieht den Familien ihre ökonomische Basis.

 

 

Herausforderung der Entwicklungszusammenarbeit

Die Krankheit wirkt niederschlagend. HIV/AIDS ist kein Schicksal, das wir einfach über uns hinwegrollen lassen müssen. Seit 1992 arbeiten wir mit AIDS-Projekten. Auf der Grundlage der bisherigen Erfahrungen haben wir die folgenden Leitprinzipien für AIDS-Projekte formuliert:


1.   AIDS umfasst alle Lebensbereiche

Bildung, Gleichberechtigung der Geschlechter, soziale Infrastruktur, politische Einwirkungsmöglichkeiten, Stabilisierung familialer und sozialer Strukturen, Zugang zu den unentbehrlichen Arzneimitteln, Armutsbekämpfung: Im Kern ist HIV/AIDS eine Herausforderung, die umfassende Maßnahmen verlangt oder als Querschnittsaufgabe zu integrieren ist.
 

2.   Infizierte brauchen Achtung ihrer Würde als Mensch

AIDS-Kranke auf ihrem Weg zu begleiten, ist eine große Herausforderung. Die Aktion bestärkt lokale Gemeinschaften, sich der Pflegeherausforderung zu stellen und fördert Bildung und Vernetzung. Projektauswertungen belegen: Das Leben in Gemeinschaft mit AIDS-Kranken stellt eine wichtige Form der Prävention dar.


3.   Die Krankheit verlangt zugängliche Medikamente

Die AIDS-Kranken der Armutsregionen können die teuren Antiretroviralen Aids-Medikamente nicht finanzieren. Sie brauchen die Hilfe ihrer Staaten und internationale Regelungen, diese Medikamente für alle zugänglich machen. Das Recht auf Eigentum an pharmazeutischem Wissen steht hier im Konflikt mit dem Recht auf Leben.

4.   Erfolgreiche Prävention braucht u.a.

    •   Bildung, Information und psycho-soziale Beratung
    •   soziale Gleichstellung der Geschlechter
    •   Bekämpfung der Armut
    •   tiefgreifende Verhaltensänderungen

 

All dies ist nur möglich, wenn die betroffenen Menschen selbst dies erkennen, selbst initiativ werden und Chancen gewinnen, ihre Ziele erfolgreich umzusetzen. AIDS-Bekämpfung muss als Teil eines umfassenden Einsatzes für mehr Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Solidarität verstanden werden.