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Krieg gegen die eigene Bevölkerung

Interview mit Stefan Marx zur Situation in den Nuba Mountains im Sudan


Nur wenig hören wir in Europa über den Krieg im Sudan. Dort sterben täglich Menschen, weil der vom internationalen Gerichtshof in Den Haag gesuchte sudanesische Präsident Baschir versucht, die schwarzafrikanische Bevölkerung in der Provinz Südkordufan zu vertreiben und umzubringen. In Gidel - mitten in den Nuba Mountains - unterstützt die Aktion Canchanabury das "Mother of Mercy Hospital" der katholischen Diözese El Obeid.

Am Pfingstsonntag, 27. Mai 2012, hatte unser Geschäftsführer Reinhard Micheel jetzt Gelegenheit mit Stefan Marx, Mitarbeiter der Diözese El Obeid, zu sprechen und ein Interview zur aktuellen Situation in den Nuba Mountains und zu den Ursachen des Konfliktes zu führen: 

Reinhard Micheel:   Stefan, du machst gerade einen Zwischenstopp in Deutschland  auf deiner – ja man kann fast sagen  - Weltreise in Sachen „Konflikt im Sudan“. Wenn ich dich jetzt so frage, dann geht es uns in Bochum vor allen Dingen darum, ein bisschen aus erster Hand darüber zu erfahren, wie zurzeit die Situation in den Nuba Mountains ist?

Stefan Marx:    Die Situation für die Bewohner der Nuba Berge sieht nicht viel anders aus, als vor 9 Monaten. Fast täglich wird von Bombardierungen von Seiten der Regierung im Norden berichtet. Mittlerweile sieht es auch so aus, dass Nahrungsmittel ­knapp werden. Die Leute sitzen in Höhlen, um sich vor den Bomben zu schützen. So können sie auch nichts auf ihren Feldern anbauen. Händler, die mit Nahrungsmitteln Handel treiben, sind kaum da, weil die Region Süd-Kordofan inklusive der Nuba Berge komplett abgeriegelt ist.

R.M.:   Und in den nächsten Monaten kommt noch erschwerend die Regenzeit hinzu, oder?

S.M.:   Ja, unser Ziel war es, mit Hilfsmaßnahmen möglichst bis zum 30. April zu reagieren. Wir haben versucht, so viele Versorgungsgüter wie möglich hineinzubringen: Medikamente, Nahrungsmittel, Sprit und Ersatzteile, um unsere Hilfsmaßnahmen weiterlaufen zu lassen. Denn die nächsten sechs Monate ist jetzt praktisch Pause, da die Regenzeit die Bewegungs­mög­lich­­keiten auf dem Boden doch sehr stark einschränken bzw. sogar unmöglich machen.

R.M.:   Stefan, was sind eigentlich die Ursachen für den Konflikt? Bei uns in den Medien taucht der ja so gut wie gar nicht auf. Und wenn man etwas über die Nuba Mountains erzählt, da fällt höchstens den Älteren noch Leni Riefenstahl ein.

S.M.:   Nach der Unabhängigkeit des Südens am 09. Juli 2011 hat Präsident Baschir für den Rest seines Staatsgebiets erklärt, es wird jetzt nur noch einen Islamstaat geben. Das heißt: Es gibt keine Möglichkeit für Leute ihre eigene andere Religion auszuüben. Das ist das Ziel! Und nach der Arabisierung soll jetzt die Islamisierung vonstatten gehen. Die Nuba wurden aufgefordert, ihre Waffen abzugeben und sich in die nordsudanesische Armee zu integrieren. Aber wer kann Khartum, wer kann Baschir, der vom internationalen Gerichtshof ja seit Jahren gesucht wird, trauen? Niemand! Und dadurch war der Konflikt unausweichlich. Seit dem 05. Juni 2011 wird - wie ich eben schon erwähnte - die Region bombardiert.

R.M.:    Also, das hat ja alle Anzeichen eines Genozids?

S.M.:    Ja, obwohl man mit Begriffen dieser Art vorsichtig sein sollte. Wir können auch im Moment nur sagen, dass die Leute keine Nahrungsmittel haben. Wenn man Hunger erklärt, hat das wieder andere Dimensionen. Auf politischem Gebiet ist man da sehr zurückhaltend mit Erklärungen.

R.M.:    Okay, du bist zurzeit mit Bischof Macram Max Gassis und einer Mitarbeiterin der Diözese El Obeid in der halben Welt unterwegs. Kannst du mal kurz erläutern, was ihr so die letzten Wochen gemacht habt und warum?

S.M.:    Wir hatten eine Tour durch acht verschiedene europäische Länder geplant. Bisher waren wir schon in Irland, England, Belgien, Frankreich und Deutschland. Wir haben mit vielen Politikern gesprochen und mit Leuten, die Einfluss haben und die an der Materie arbeiten. Wir wollen sie wachrütteln und ihnen klarmachen, was im Moment in der Region Süd-Kordofan und speziell in den Nuba Mountains abgeht.

R.M.:    Vielleicht jetzt noch zum Schluss eine Frage. Die Aktion Canchanabury arbeitet ja jetzt auch schon seit einer Weile mit dem Hospital in Gidel, mitten in den Nuba Mountains zusammen. Wir haben vor kurzem noch einen Container auf den Weg in den Sudan gebracht. Wie kann denn ansonsten von uns aus die Hilfe weiter aussehen?

S.M.: Ich denke, wir müssen im Juli vielleicht erstmal eine Bestandsaufnahme der Hilfe machen, die seit letztem Jahr über verschiedene Kanäle angelaufen ist. Das Problem ist natürlich die Versorgung der Bevölkerung. Da die Diözese El Obeid natürlich nicht die gesamte Bevölkerung bedienen kann mit Nahrungsmitteln, müssen andere „Player“ ran. Das war bei unseren Besuchen auch der Hintergrund der Gespräche, die  wir u.a. in Brüssel bei ECO und OCHA geführt haben, Organisationen also, die der Europäischen Union und der UN unterstehen. Und es scheint, dass sich da vielleicht jetzt auch etwas tut.

R.M.:    Stefan, vielen Dank für das Gespräch und dir, dem Bischof und deiner Mitarbeiterin alles Gute und viel Erfolg für den Rest eurer Tour.